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ANDREAS FIEDLER: MARIANNE MÜLLER
in: Welt-Bilder / World Images, exhibition catalogue, Helmhaus Zürich, Zurich, Verlag für moderne Kunst Nürnberg, Nuremberg, 2005
Subject + verb + object: Marianne Müller takes photographs. In content, the sentence is limited to an aspect that will immediately strike any viewer of Müller’s recent work: photo-g-raphy is an activity. She takes photographs of things she happens to come across, things that for various reasons catch her attention for a moment. She will take a photograph of a tree trunk, heavily laden bicycles, an oven, a stack of crates, a street corner, masses of electric cables, a light bulb, the back of a bus, a telephone, the head of an elephant.
Müller takes photographs without a dogmatic purpose, without conceptual restrictions. She is clearly not concerned with balanced compositions or carefully arranged lighting. Many of her pictures are notable for a fleeting quality that refuses to impose solidity on objects. They appear to have been taken in passing: some are out of focus, others are dominated by the harsh light of a flash. Nothing is defined in these images, no generally valid claims are advanced. The particles of reality in Müller’s photographs assert their status as visual fragments, so we automatically include the indistinctly perceived reality outside the pictures in our view of them. The fragments leave us uncertain, resist our attempts to understand what we see and induce us to ask questions about its origins.
In recent years Müller has taken many photographs while travelling, in Morocco, for example, or Mali, Syria, India, Azerbaijan and Jamaica. These now form part of the artist’s extensive private archive. This collection of images, amassed over many years, is of central importance to Müller, forming the starting point of all her work. Every day that she sets out with her camera, every journey that she undertakes, either increases the overall thematic scope of the archive or expands it in certain specific areas. The images are like letters of the alphabet, which the artist is constantly combining and recombining to form words and sentences.
Included here are photographs from a large group of works titled Combine. For this, Müller chose images from her archive and put them together in blocks of four measuring 180 by 120 cm. The individual pictures acquire a new validity in the blocks but are still available in the archive for use in other contexts. Thus, nearly all these photographs crop up in Table, No. 2, the work the artist has devised for World Images. This consists of over 400 photographs in the standard 9 x 13 cm format, both black-and-white and colour, arranged like a grid on a 7-m-long table. Müller selected the images from her archive carefully but not in accordance with any strict, clearly defined criteria. Placed in new surroundings, the pictures appear in surprising juxtapositions and in a complex web of relationships. Relativising meanings, the world of images created by the artist plunges the viewer into a series of abruptly terminated narratives, inescapable tangles of thought and fragmentary associations. Müller does not limit the evocative power of the photographs by providing titles or explanations. Among other things, this makes it clear that the geographical origins of the pictures are irrelevant. The pictures are on the table. That’s all.
Table, No. 2 combines photographs from a wide variety of contexts. The consistency of the artist’s approach is all that unites them, an approach that focuses on the fragmentary and seemingly insignificant rather than on the picturesque and the spectacular. Müller points her 35-mm camera at things whose very simplicity makes them ambiguous. She almost seems to possess a detective’s delight in directing her gaze at things that appear accidental, odd or unremarkable. Müller may be as surprised as the viewer by the results, discovering in the photographs aspects of which she was not aware when taking them.
Essentially, the images spread out on the table show not what can be seen in the world, but what photography makes visible. Müller holds semantic complexity and semantic simplicity in equilibrium. She controls the referential character of the images, their information content, initially by her selection of motif, then by choosing to photograph in black and white, say, or by keeping a background dark by using a strong flash. So it really is a matter of subject + verb + object.
Subjekt und Verb: Marianne Müller fotografiert. Grammatikalisch ist der Satz vollständig, inhaltlich ist er auf einen Aspekt reduziert, der für den Betrachter der neuen Arbeiten Müllers offensichtlich ist: Fotografieren ist zunächst einmal eine Tätigkeit. Marianne Müller fotografiert, was sie unterwegs sieht, was für einen Augenblick aus ganz unterschiedlichen Gründen ihre Aufmerksamkeit findet. Sie fotografiert einen Baumstamm, schwer beladene Fahrräder, ein Ofenrohr, gestapelte Harasse, eine Strassenecke, wuchernde Elektrokabel, eine Glühbirne, das Heck eines Reisebusses, ein Telefon, den Kopf eines Elefanten.
Marianne Müller fotografiert ohne dogmatische Fesseln oder konzeptuelle Einschränkungen. Der Künstlerin geht es offenbar nicht um austarierte Kompositionen oder ausgewogene Lichtverhältnisse. Viele Aufnahmen zeichnen sich durch jene Flüchtigkeit aus, die dem Fotografierten keine Festigkeit aufzwingt. Sie wirken zum Teil wie im Vorbeigehen geschossene Fotos, einige sind unscharf, andere werden von grellem Blitzlicht dominiert. In diesen Bildern wird nichts definiert, es werden keine allgemein gültigen Behauptungen aufgestellt. Die von Müllers Fotografien vermittelten Wirklichkeitspartikel betonen ihren Status als visuelle Fragmente. Die unbestimmt und verschwommen ausserhalb des Bildes liegende Realität wird vom Betrachter zwangsläufig miteinbezogen. Die Bruchstücke lassen ihn im Ungewissen, verweigern das Verstehen einer Situation und provozieren Fragen nach spezifischen Bedingungen und Ursachen.
In letzter Zeit entstanden viele Fotografien auf Reisen, die Marianne Müller beispielsweise nach Marokko, Mali, Syrien, Indien, Aserbeidschan oder Jamaica führten. Auch diese Aufnahmen gehören nun zum umfangreichen persönlichen Archiv der Künstlerin. Diese über viele Jahre aufgebaute Sammlung ist für das künstlerische Schaffen Müllers von zentraler Bedeutung und stets Ausgangspunkt ihrer Arbeiten. Jeder Tag, an welchem sie die Kamera in die Hand nimmt, jede Reise lässt das Bildarchiv wachsen, weitet es thematisch aus oder vertieft es punktuell. Die im Archiv abgelegten Bilder könnten als Buchstaben gedacht werden, die von der Künstlerin immer wieder neu kombiniert werden und schliesslich in Sätze, in ausformulierte Arbeiten münden.
Im vorliegenden Katalog sind Beispiele einer grösseren Werkgruppe abgebildet, die Müller mit «Combine» betitelt. Aus ihrem Archiv hat sie Fotografien ausgewählt und in 180 x 120 cm grossen, vierteiligen Blöcken zusammengefasst. Die Fotografien haben in dieser Arbeit formal zwar einen gültigen Ort gefunden, bleiben als Bilder, als potenzielle Elemente neuer Konstellationen aber im Archiv verfügbar. Nahezu alle dieser Bilder tauchen denn auch in der für die Ausstellung «Welt Bilder» konzipierten Arbeit wieder auf. «Table, Nr. 2», so der Titel, besteht aus rund 400 Fotografien, Standardformat 9 x 13 cm, schwarzweiss und farbig, rasterartig auf einem 7 Meter langen Tisch ausgelegt. Aus ihrem Archiv hat Müller mit Bedacht eine Auswahl getroffen, die allerdings keinen benennbaren, stringenten Kriterien folgt. Für die Einzelbilder wird ein neuer Kontext geschaffen, es ergeben sich überraschende Nachbarschaften und vielfältige Beziehungsfelder. Die von der Künstlerin arrangierte Bildwelt relativiert Bedeutungen und lässt den Betrachter eintauchen in abrupt abbrechende Geschichten, in unentrinnbare gedankliche Verstrickungen und splitterhafte Assoziationen. Kommentierende, eingrenzende Titel oder gar begleitende Erläuterungen lässt die Künstlerin völlig weg. Damit macht sie insbesondere auch deutlich, dass die geografische Lokalisierung der Bilder keine Bedeutung hat. Es sind die Bilder, die auf dem Tisch liegen.
In «Table, Nr. 2» sind Fotografien aus den unterschiedlichsten Zusammenhängen versammelt. Das Verbindende ist einzig die Kontinuität des Blicks der Künstlerin, die nicht am Pittoresken und Spektakulären interessiert ist, sondern am Lapidaren und scheinbar Nebensächlichen. Müller richtet ihre Kleinbildkamera auf jene Facetten, die gerade in ihrer Einfachheit nicht eindeutig erscheinen. Es ist eine regelrecht kriminologische Lust, die den Blick auf das Zufällige, das Merkwürdige und Unscheinbare lenkt. Die Fotografin wird möglicherweise von den Resultaten genauso überrascht wie der Betrachter und entdeckt erst in den Bildern vorher Ungesehenes.
Die auf dem Tisch ausgebreiteten Bilder zeigen nicht primär, was in der Welt sichtbar ist, sondern sie machen deutlich, was durch die Fotografie sichtbar werden kann. Marianne Müller hält die Fotografien präzis in einer Balance zwischen semantischer Komplexität und semantischer Armut. Der Verweischarakter auf etwas Bestimmtes und der Informationsgehalt der Bilder werden von der Künstlerin kontrolliert, einerseits natürlich durch die Auswahl, dann aber auch, indem sie beispielsweise gezielt schwarzweiss fotografiert oder mit dem grellen Blitz den Hintergrund im Dunkeln lässt. Wie gesagt: Subjekt und Verb.
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