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ANNETTE DEEKEN: STANDING STILL / TRAVELLING SLOWLY
Auszug aus: Annette Deeken, Reisefilme. Ästhetik und Geschichte, mit einem Vorwort von Wim Wenders, Gardez-Verlag, Remscheid, 2004
JEAN-PAUL FELLEY & OLIVIER KAESER: STANDING STILL / TRAVELLING SLOWLY
Annoncement d'exposition, ATTITUDES, espace d'arts contemporains, Genève, 2003
MARIANNE MÜLLER: STANDING STILL / TRAVELLING SLOWLY in: Marianne Müller, Standing Still / Travelling Slowly, Electric Mermaid, Zurich, 2002
MARTIN JAEGGI: STANDING STILL / TRAVELLING SLOWLY in: www.mondialmusic.ch, 2002
MARIANNE MÜLLER: BILDER SIND... 1. REISEN
in: WOZ Die Wochenzeitung, Zurich, 2001
ANNETTE DEEKEN: STANDING STILL / TRAVELLING SLOWLY
Auszug aus: Annette Deeken, Reisefilme. Ästhetik und Geschichte, mit einem Vorwort von Wim Wenders, Gardez-Verlag, Remscheid, 2004
Einen dezidierten Kontrapunkt zu der Methode technizistischer Betriebsamkeit qua Travelling hat die Schweizer Photographin und Filmemacherin Marianne Müller gesetzt. Ihre gewaltige Rauminstallation STANDING STILL / TRAVELLING SLOWLY (2002) war u.a. auf der "Expo Mondial in Yverdon und 2003 im Pariser "Centre Culturel de Suisse in Großprojektion zu sehen und en miniature auf dem Fernsehschirm. (1) Rund zwanzig Stunden Filmmaterial hat Marianne Müller in Aserbeidschan, Indien, Jamaika, Mali, Mexikon, Marokko, Rumänien, Sansibar, Syrien, Vietnam aufgenommen. Insgesamt zehn Filme, jeder etwa 110 Minuten lang. Die Arbeit, so Marianne Müller rückblickend, "war eine Form von Reisen [...] und wo ich hingereist bin, habe ich gearbeitet. (2) Müllers umfassendesProjekt greift zurück auf die Single-Shot-Filme der Lumière, auf quasi ungeschnittene Repräsentationen der Welt in Echtzeit. Arbeiter und Bauern gehen ihrer Arbeit nach, Händler fahren vorbei, jung und alt überquert eine Straße, schwarz verschleierte Frauen huschen vorbei und würdigen die Kamera keines Blickes, Mopedfahrer durchqueren das Bild.
Unbewegt registriert die Kamera, was vor ihrem Objektiv passiert, oder eben nicht. Die Drehorte und Aufnahmewinkel der Stillstände ähneln denjenigen der Lumière-Operateure: Straßenkreuzungen, Standorte mit Tiefendimension, Orte, die erwartbar belebt werden irgendwann im Laufe des Tages. Die Kamera starr fixiert auf dem Stativ und die Dinge abwartend, die da kommen könnten. Kein Zoom, kein Schwenk, kein Teleobjektiv. Die Kamera verwandelt mit dieser einfachen Methode einen öffentlichen Ort in eine Schau-Bühne. Auf ihr können sich alltägliche Handlungen abspielen wie Miniaturen, konzise poetische Momente eines Alltags irgendwo.
Im Unterschied zu den historischen Vorläufern war das filmtechnische Arsenal Marianne Müllers nicht radikal limitiert auf die Kapazität von etwa einer Minute Drehzeit. Ihre Registratur eines Punktes auf der weitläufigen Landkarte zu einem gegebenen Zeitpunkt aktualisiert die Lumière-Technik durch das Vermögen, über viele Minuten hinweg beharrlich bleiben zu können und den Blick nicht abwenden zu müssen. Nicht beschränkt durch die kurze Laufzeit einer Filmrolle, schreibt sich eine ungewöhnliche Art des filmischen Blicks ein: das Warten nicht auf, sondern als Aktion wird hier zu einem unmittelbar fühlbaren Ereignis, wie es sich nur durch die kinematographische Laufzeit ergibt. "Ich wollte Geschichten vermitteln via Minihandlungen, Farben, Rhythmus, Langsamkeit. Über das Schauen. Der Betrachter meiner Installationen, wie der kluge Reisende, sitzt und wartet und trinkt viel Tee. (3)
Das Grundkonzept, die Kamera an irgendeinem Winkel der Welt aufzubauen und geduldig einen Single Shot in totaler Einstellung aufzunehmen,legt die Nomenklatur Reisebild nahe, auch wenn die Einstellungen oft weit über die bedeutende Länge von zehn Minuten hinausreichen. Da diese eben ungeschnitten laufen, spiegeln sie auch keinen strikt selektiven Blick auf die Welt und ihre Betriebsamkeit, sondern dokumentieren in einem Ausmaß, wie es einhundert Jahre zuvor undenkbare Praxis gewesen wäre, die Langsamkeit des Lebens. Vermittelt über die laufende Kamera wird der Betrachter in eine simulierte Echtzeitsituation versetzt und hat ungehindert die Möglichkeit zur ausgedehnten, minutenlangen Beobachtung von Bildern, die gerade durch ihr bedächtiges Tempo im Objekt- und Objektivbereich lebensnah und bar jedes "Ethnospektakels (4) authentisch wirken. Aufgenommen wurden keine Sehenswürdigkeiten im historisierenden, bildungsbürgerlichen Sinne, sondern arglose Szenen aus dem Leben andernorts, friedfertige (und darin vielleicht auch trügerische) Normalität des Alltags in der Fremde: Straßenbilder, Marktgetümmel, Motorroller halten vor einer Schranke, Bauarbeiter, Schiffe laufen in einen Hafen ein, ein mexikanischer Friedhof, Fahrten durch triste Vorstädte der Wüste und enge arabische Gassen, weite Landschaften. "Keine Ferienrosinen (5) also, sondern visuelle Augenblicke, die zum genauen Hinsehen auffordern, die auch jenes gelassene Gefühl des Müßiggangs vermitteln, das Reisende mit reichem Zeitbudget entwickeln können, wenn sie flanieren oder aus dem Fenster eines Busses schauen.
Detailaufnahmen, Umschnitte, Blicklenkung durch Schnittfolgen, all diese technischen Möglichkeiten hat Marianne Müller in ihrem Konzept bewußt ausgeklammert. Ihre Filme bleiben starr in der Totalen. Im Prinzip unterscheiden sich ihre Aufnahmen nur nach Standbild und Travelling, wobei die Art der Einstellung jeweils mit dem repräsentierten Drehort wechselt. Da dieser Ortswechsel jedoch erst nach zehn Minuten und mehr einsetzt, wird der Bildwechsel in der Gesamtvorführung als solcher kaum mehr wahrnehmbar. Umgekehrt befördert dieser Charakter der betonten Bildhaftigkeit die Konzentration auf das Präsentierte und erzeugt eine wunderbar poetische Stimmung, die zum "nutzlosen Betrachten der Welt einlädt. Die Bildhaftigkeit wird gelegentlich gesteigert durch die Aggregatveränderung, die sich bei Marianne Müller stets als natürlicher Prozeß (und nicht, wie bei Cahen, als artifizielles Resultat der Bildmanipulation, einstellt. So wird z.B. der Blick auf eine syrische Gasse lange Zeit frontal "auf die Wand lenkt. Eine blaue Wand mit arabischer Schablonen-Graffitti [es handelt sich um Suren aus dem Koran] signalisiert, zumindest dem Blick westlicher Reisender, daß die Gleichförmigkeit durch Globalisierung nicht sämtliche kulturellen Unterschiede getilgt hat.
Reisen kann auch im 21. Jahrhundert, wie eine solche Momentaufnahme zeigt, von einem Hauch von Fremde ("Exotik im ursprünglichen Sinn des Wortes) umweht sein. Daß dieses Wandbild, das minutenlang wie eine ansehnliche Standphotographie wirkt, räumliche Tiefe und kinetische Energie entwickeln könnte, stellt sich erst heraus, wenn plötzlich Schemen durch das Bild huschen und sich die Gasse mit dem Leben von Passanten und Fahrzeugen füllt, die an der Fassade vorbeiziehen. Travellings dienen Marianne Müller nicht, als Ein- oder Überleitung, sondern als eigenständige rhetorische Figur. Diese ist, wie der Titel TRAVELLING SLOWLY bereits anzeigt, durchgängig auf ein sehr langsames Tempo angelegt. Im Unterschied zum Standing still zieht nun mit den Passanten und Fahrzeugen auch der Kamera- und damit der Betrachterblick an Fassaden und Landschaften vorbei. "Revue passieren lassen wäre ein schöner Ausdruck für diese Choreographie der Langsamkeit. Menschen werden auf diesen beschaulichen Fahrten, die vom Auto oder Fahrrad aus aufgenommen wurden, nicht ausgestellt, aber auch nicht vorgestellt. Sie erscheinen als kinetische Elemente eines Bildes und gehen unaufgeregt ihren Beschäftigungen nach, meist ohne Reaktion auf die anwesende Kamera. Nur in einer Aufnahme aus Syrien sieht man eine Kinderschar, welche die Aufmerksamkeit der Kamera auf sich lenken will und während der Kamerafahrt mitläuft.
Das Besondere an dem Bildkonzept von STANDING STILL / TRAVELLING SLOWLY ist die Idee eines Doppelfokus und entsprechender Doppelprojektion. Marianne Müller hat nämlich nicht mit einer, sondern mit zwei Kameras (6) gefilmt, synchron und in minimalem Kameraabstand. In der Projektion entsteht durch die Bildpaarung ein gewaltiges Panorama, das in einer Breite von gut zehn Metern die repräsentierte Physis erlebbar macht. Die Doppelbilder verhalten sich zueinander durchaus unterschiedlich, je nach Einstellungsgröße und Objektabstand. Nur selten stellt sich ein panoramatischer Effekt im konventionellen Stil einer reinen Übersichtstotalen ein. Meist bleibt die Kamera auf Augenhöhe und damit in der Normalsicht eines Reisenden. In der Projektion ergeben die beiden Kamerabilder keine schlichte Verdoppelung des Abgebildeten, weil sie räumlich verschoben sind. Zudem werden sie in ihrer Zeitlichkeit gebrochen. Zwischen den Doppelbildern liegt eine Differenz von bis zu vier Sekunden. Mal verhält sich das linke zum rechten Bild annähernd als zeitliche Folge mit einem leichten Time-Lag, wodurch sich Personen mit leichtem Zeitsprung, nur annähernd kontinuierlich, durch ein Panorama bewegen. Mal ist das rechte Bild dem linken zeitlich voraus, wodurch die Bewegungsfolge bewußt irritiert wird und der verblüffende Effekt eintritt, daß Objekte, die sich parallel in Fahrtrichtung bewegen, zuerst im rechten Teil der Projektion erscheinen, um anschließend links noch einmal aufzutauchen.
Diese Art des Doppelfokus erzeugt zwei Ebenen gleichzeitig: zum einen wird jeder Ort in ein ausgedehntes Panoramabild verwandelt, das ein Mitreisegefühl bei der Betrachtung gestattet; zum anderen werfen diese Bilder durch ihre gebrochene Raum-Zeit-Beziehung einen erkennbar modifizierten Blick auf das Geschehen. On location zu sein zu einem bestimmten Zeitpunkt, so machen Müllers Travellings deutlich, garantiert kein fixes konsistentes Bild, keine Endgültigkeit also, sondern nur Bild- und Ausschnitthaftigkeit. Vom imperialen Gestus der Abbildung als Zeugnis unbezweifelbarer Wahrhaftigkeit sind ihre Aufnahme insofern weit entfernt. Ihre Installation STANDING STILL / TRAVELLING SLOWLY versetzt schlicht "den Leser des Bildes in ein Erstaunen, das weniger intellektuell als visuell ist, weil es ihn an den Außenflächen des Schicksals, seinem optischen Widerstand festhält und ihn nicht sofort zu dessen Bedeutung führt. (7)
(1) arte vom 26. Februar 2004
(2) E-Mail von Marianne Müller vom 16. Januar 2004
(3) Ebenda
(4) Martin Jäggi in einem Begleittext. Brief Marianne Müller vom 3.Januar 2004
(5) Ebenda
(6) Mit Mini-DV-Kameras vom Typ Sony TRV-900
(7) Roland Barthes: Mythen des Alltags [1957]. Frankfurt/M.: Suhrkamp,1996, S. 57
JEAN-PAUL FELLEY & OLIVIER KAESER: STANDING STILL /TRAVELLING SLOWLY
Annoncement d'exposition, ATTITUDES, espace d'arts contemporains, Genève, 2003
Avant tout reconnue pour son travail photographique, cest par le film que Marianne Müller nous emmène cette fois-ci à la découverte de lAzerbaidjan, de lInde, de la Jamaique, du Mali, du Maroc, du Mexique, de la Roumanie, de la Syrie, du Vietnam, du Laos et du Cambodge ainsi que des contrées mythiques de Zanzibar. Avec son projet Standing Still /Travelling Slowly, elle nous convie à partager son "tour du monde" effectué entre 2001 et 2002.
Lensemble des films, dun durée totale de plus de 20 heures, se compose dune succession de plans fixes et de panoramiques de paysages. Pour effectuer ses prises de vue, Marianne Müller a installé deux caméras vidéo légèrement décalées lune par rapport à lautre, de telle manière que ses "panoramas"présentent un manque despace-temps en leur point de jonction. Ces films sont toujours présentés sous la forme dune double projection jointe de telle manière à former une seule grande image qui occupe un mur du sol au plafond. Le son ambiant de chaque film saisi directement par les micros des caméras occupe un champ plus large que celui des images et emporte le visiteur dans des univers tantôt bruyants, tantôt calmes.
MARIANNE MÜLLER: STANDING STILL /TRAVELLING SLOWLY in: Marianne Müller, Standing Still / Travelling Slowly, Electric Mermaid, Zurich, 2003
REISEN, DENKEN, WARTEN ZEUGEN IHRE BILDER.
DOPPELTE WELTBETRACHTUNG: GLEICHZEITIG UND MEHRMALS, VERSCHIEDEN UND VERSCHOBEN.
WAS MAN SIEHT, UND WIE MAN'S SIEHT: WIESO DOPPELT? VERSCHWAND JEMAND ZWISCHEN DEN BILDERN? UND WIESO WIRD RECHTS ZU LINKS? SEHEN ALS FRAGEN.
BÜHNE? SELBSTERNANNTE REGISSEURE DIRIGIEREN DEN ALLTAG.
SCHAUPIELER? NUR ZAHLLOSE STATISTEN. HINTER DEN KAMERAS, DIE NIEMAND FÜHRT, ZEHNMAL SO VIELE WIE DAVOR. DAS BILD FÜLLT SICH UND LEERT SICH, ZEIGELUST UND SCHAM IM WECHSELSPIEL.
DOKUMENTATION NACH STRENGEN REGELN. WENIG, FAST NICHTS ZEIGEN. LANGSAMKEIT. STEHENDE BILDER, REISENDE BILDER.
KLEINSTGESCHICHTEN. EINFACH SEHEN. EIN IMMER REINERER BLICK.
MARTIN JAEGGI: STANDING STILL /TRAVELLING SLOWLY in: www.mondialmusic.ch, 2003
An den Wänden sehen die Besucher Videoprojektionen der Künstlerin Marianne Müller. Mit jeweils zwei versetzten Kameras, deren Aufnahmen leicht zeitversetzt nebeneineander projiziert werden, beobachtet sie Szenen jenseits des Sensationellen und Pittoresken, die gerade in ihrer fremden Alltäglichkeit zum Denken verwirren: Strassenbilder, Marktgetümmel, Fahrten durch halbfertige Wüstenvorstädte und Berglandschaften, das Vorbeiziehen der Schiffe in einem Hafen, Allerseelen auf einem mexikanischen Friedhof. Langsame Bilder, die zum bedächtigen und genauen Sehen auffordern. Kein Ethnospektakel, keine pseudo-kritische Bedeutungshuberei, keine Ferienrosinen. Bilder, wie man sie auf Reisen selber beobachtet, aus dem Fenster eines Autos, beim Warten an einem Imbisstand, beim ziellosen Flanieren in fremder Stadt. Müller zeigt die Wirklichkeit als Zeitgefüge von Bewegung und Gebäude, Licht und Landschaft, Körper und Kleid, Morgenruhe und Mittagsgedränge, Zufall und Gewohnheit. Ganz einfach die unaufdringliche Wahrheit des Wirklichen.
MARIANNE MUELLER: BILDER SIND... 1. REISEN
in: WOZ Die Wochenzeitung, Zurich, 2001
1. Reisen
Es ist immer das gleiche mit der Fotografie oder mit dem Film. Ich komme an einen neuen Ort, von dem ich nichts verstehe. Dafür glaube ich, mit geschärften Sinnen wahrzunehmen, glaube, dass ich wieder sehe, ganz bewusst alles aufsauge, als ob ich ein Vakuum füllen könnte, das sich eingenistet hat im verblindeten Alltag, in der vertrauten Umgebung. Da bin ich, an einem mir völlig neuen Ort, vielleicht sogar auf einem anderen Kontinent, umgeben von einem anderen Meer, anderen Farben, kaum zu ertragender Temperatur, aufwallenden Gerüchen, Geräuschen, Lärm, ungewohntem Rhythmus und einem Tagesablauf, den ich mir erst erfinden muss. Ich kenne die Sprache nicht, taste mich zu «jambo - habari- za asubui- nzuri (-) und asante sana». Da also bin ich und denke, dass ich sehe, nur weiss ich allzu gut, dass ich blinder bin denn je. Ich verstehe nichts von dem, was ich sehe, weil ich die Bedeutung des Gesehenen nicht kenne und sie zu ergründen, würde länger dauern als jede Reise. Ich kann die Zeichen nicht lesen. Also sehe ich, wenn ich durch den Sucher meiner Kamera schaue, die möglichen Bilder von Dingen und Menschen, die ich als Bilder bereits gesehen habe. Mein inneres Auge schiebt die kollektiven Gedächtnisbilder vor die zukünftigen Erinnerungsbilder, die meine eigenen sein könnten.
Und umgekehrt? Noch weniger verstehe ich, was die anderen sehen, wenn sie mich erblicken. Dabei habe ich dem Direktor of Information/Broadcasting erklärt: Keine Presse, kein TV, ich bin Tourist. It's for the personal record, I'm an artist, and I want to take my time. I use two videocameras and two tripods. Aber wenn man die bessere Ausrüstung mitbringt, als das nationale Fernsehen sie verwendet, ist diese Argumentation natürlich heikel. Dies war ein sozialistisches Land, es hiess, Bilder machen in jeder Form sei verboten, wobei ich diesen Passus nicht überprüfen konnte. Auf meinem temporären Presseausweis steht: Beruf Buchhändlerin. She paid 50 dollar, somit bin ich dabei. Normal wären es 350 Dollar.
Ich stelle meine beiden Stative auf und filme parallel die gleiche Situation. Meine Methode heisst «schauend Schauen», doppelt schauen, wenn man so will. Natürlich aber heisst parallel nicht einfach parallel. Den richtigen Ort zu finden ist zermürbend. Zudem weiss ich nie, wie sich die Situation gleich entwickeln wird (sprich: Fährt dieses Schiff im Vordergrund demnächst weg, oder stellt sich ein anderes davor?), und wie die Menschen auf meine weisse Präsenz reagieren. Eine Einstellung dauert im guten Fall dreissig Minuten, so lange sind die Kassetten. In der Zeit entferne ich mich von den Kameras, die aufzeichnen, und beobachte die Vorgänge. Oder ich markiere Präsenz und verteidige meinen Willen, hier zu arbeiten. Manchmal ist das nötig - auch wenn es meistens mein ortsansässiger Begleiter übernimmt. Da, wo ich war, ist eine Videokamera vor allem im Einsatz, wenn Hochzeiten dokumentiert werden müssen. Mit aufgesetztem Licht wird alles ganz genau aus der Nähe aufgezeichnet. Gewisse Passagen müssen von den Akteuren nachgespielt oder wiederholt werden, um sicher zu gehen dass sie gelungen erscheinen. In der Strasse aber filme ich grundlos, und manchmal werde ich beschimpft, als ob ich den Menschen das Gesicht stehlen würde. Mein Assistent bestreitet, dass dies eine kulturell bedingte Reaktion sei, es seien bloss dumme Menschen.
Erst wenn der Film fertig ist, und ich die Bildschirme der Kameras nebeneinander halte, sehe ich, ob die beiden Einstellungen zusammen funktionieren. Interessant sind Interaktionen, kleine Geschichten, Miniaturen. Ich benutze die beiden Kameras ganz konzeptionell, um dem Betrachter, der irgendwo in einem abgedunkelten Raum sitzen wird, die Illusion von der Schönheit des Nichtverstehens oder der Exotik zu nehmen. Er soll sich beteiligen, er soll ins Nachdenken kommen, wenn er zweimal die gleiche Situation sieht, allerdings von einem anderen Standpunkt aufgenommen, räumlich verschoben, und mit einer zeitlicher Verschiebung von ein paar Sekunden. Inhaltlich kann er in der Wiederholung herausfinden, was X, den er im linken Bild schon einmal gesehen hat, dazu bewegt hat, die Strasse zu überqueren, denn im anderen Bild rechts, in das er jetzt hineinkommt, sieht man, dass X einen Hauseingang betritt. Dazwischen erscheint er vielleicht doppelt, oder er geht nahtlos in das andere Bild über oder es gibt einen Unterbruch, er verschwindet zwischen den Bildern, bevor er wieder auftaucht. Ich denke, am besten versteht man die Fremde, wenn man ganz ruhig in einem Kaffee sitzt und beobachtet. Dem sollten meine Bilder nahekommen.
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